15. Tag: Massentourismus auf Angels Landing

Die Natur kommt im Zion National Park langsam zu kurz...

Dass das Besucheraufkommen in den National Parks der USA über die letzten fünf bis zehn Jahre hinweg rapide zugenommen hat, ist kein Geheimnis. Bloße Zahlen wie „ein Anstieg von 75%“ lassen jedoch höchstens erahnen, was das tatsächlich bedeutet.

Um sich den für die Parks durchaus als bedrohlich aufzufassenden Ansturm zu vergegenwärtigen, helfen Eindrücke aus dem Zion National Park, der 1990 erstmals zwei Millionen Besucher erreichte und dann ganze 24 Jahre benötigte, um 2014 „endlich“ die Drei-Millionen-Marke zu knacken. Um von drei auf vier Millionen zu kommen, reichten hingegen zwei: Schon 2016 war es soweit.

In der Realität heißt das, dass man bei 35-40°C möglicherweise über eine Stunde in der Sonne warten muss, um nachmittags aus dem Canyon zu kommen:

Wartezeiten für das Shuttle in Zion.

Dass man für den Shuttle-Bus um 06:15 Uhr in der Schlange steht und nicht an Bord kommt:

Shuttle Bus in Zion: Oft überfüllt.

Und dass der riesige Besucherparkplatz am Visitor Center seit Wochen stets um 09:00 Uhr voll ist:

Parkplatz in Zion am Visitor Center.

Ich spreche wohl bemerkt nicht von Feiertagswochenenden, noch nicht einmal von der absoluten Hauptsaison im Juli. Ich spreche auch, bei allem Respekt, nicht vom Grand Canyon. Ich spreche von Zion, einem äußerst schönen, aber nicht alles überragenden National Park an ganz gewöhnlichen Wochentagen Mitte Juni.

Über die genauen Gründe für die Besuchermassen kann man spekulieren, doch der Einfluss von Social Media ist wohl nicht zu unterschätzen, die Auswirkungen von Instagram und Facebook, Snapchat und Facetime, WeChat und Weibo sind insbesondere an den Viewpoints nicht zu übersehen.

Häufig kann ich die sozial-mediale Omnipräsenz im Angesicht der Schönheit der Ausblicke und der Faszination der Wanderwege ausblenden, heute jedoch fällt es mir schwer. Dazu gleich mehr.

Weiterer Ausblick von Angels Landing.

Das größte Problem des Problems derweil ist, dass keine wirkliche Lösung existiert, nicht einmal auf dem Papier. In Zion gibt es bereits seit langem ein Shuttle-System, das die Fahrt mit dem eigenen Auto in den Canyon verbietet, dennoch sieht es hier so aus wie oben angedeutet.

In Arches werden regelmäßig die Parkplätze erweitert und trotzdem findet man am späten Vormittag oft keinen Stellplatz mehr. Von Yosemite und Yellowstone will ich gar nicht anfangen.

Blick auf Angels Landing.

Reservierungssysteme, wie für Arches mal angedacht, widersprächen der Aufgabe des National Park Service, die Natur für möglichst viele zugänglich zu machen. Gleiches gilt für weitere Erhöhungen der Eintrittspreise oder zusätzliche Shuttle-Angebote, für die ohnehin die Ressourcen fehlen.

Auf der anderen Seite widerspricht die gegenwärtige Lage dem noch wichtigeren Auftrag, die Natur zu schützen und zu erhalten. Und zwar deutlich.

Es ist… schwierig. Auch weil ich als Touristen und als „Ratgeber“ natürlich selbst nichts dafür tue, die Situation zu entspannen.

Ausblick auf Zion Canyon.

Rauf auf Angels Landing

Ach ja, unterwegs war ich heute natürlich auch noch, also – falls ich jetzt nicht schon alle Leser verloren habe – weiter im Text: Ich stehe kurz vor 6 Uhr auf, um einen der ersten Shuttle-Busse zu erwischen, der vom Visitor Center in Zion Canyon hineinfährt.

Der erste Bus um 6 Uhr soll immer brechend voll sein, also entscheide ich mich für den zweiten um 06:15 Uhr mit dem oben zu sehenden Resultat; der Bus (immerhin bestehend aus zwei Wagen) ist zu voll, also gedulde ich mich eine weitere Viertelstunde.

Den nächsten erwische ich dann. Er fährt mich sicher und recht zügig in vielleicht 20 Minuten zum Shuttle Stop, an dem sich der Trailhead zu Angels Landing befindet. Mit mir steigen auch nahezu alle anderen Passagiere aus.

Serpentinen auf dem Trail.

Der etwa 9 km lange Trail beginnt einfach, auf einem asphaltierten Pfad geht es über Serpentinen, den Berg hinauf – und das schneller als man denkt: In 45 Minuten bin ich oben, das ist angesichts der Steigung und einer Strecke von über 3,5 km schon mehr als sportlich.

Oben, kurz hinter Walter’s Wiggles, beginnt dann der interessante Teil des Wanderwegs, der über einen recht schmalen Weg zu einem tollen Aussichtspunkt führt, von dem aus man nahezu den kompletten Zion Canyon überblicken kann.

Beginn der Ketten bei Angels Landing.

Der Weg hinauf wäre nicht allzu schwer – man zieht sich mehr mit dem Armen hinauf als sonst irgendwas -, wenn da nicht diese Menschenmassen wären.

Ausblick von Angels Landing.

Angels Landing als Trail gilt als gefährlich, das einzig wirklich Gefährliche sind heute jedoch die Besuchermassen. Um hier aus eigenem Verschulden runterzufallen, muss man sich schon sehr überschätzen (laut National Park Service ist das bis dato erst acht Mal passiert), doch diese Menschenmassen stellen ein echtes Risiko dar.

Auf dem Angels Landing Trail.

Ich habe keine Angst abzurutschen – aber was, wenn dein Hintermann, der sich dicht an dich drängen muss, um keinem den Weg zu versperren, abrutscht und in dich reinrauscht?

Auch die zahlreichen Engpässe an den Ketten sind problematisch, haben viele der von unten kommenden Wanderer doch keine Geduld zu warten, sondern schieben sich einfach vorbei. Was angesichts der teilweise endlos erscheinenden Wartepausen – wiederum ob der Menschenmassen – auch irgendwo ein klein wenig verständlich ist.

Abstieg von Angels Landing.

Das Schlimme ist, dass mich Angels Landing trotz allem begeistert hat. Der Weg an sich ist fantastisch, die Ausblicke sind toll, das Wetter hat mitgespielt und ich könnte die Wanderung eigentlich nur weiterempfehlen. Eigentlich. Denn wenn sich hier nichts tut, würde es mich sehr wundern, wenn wir in naher Zukunft weiterhin von nur acht Stürzen sprechen würden.

Lower Emerald Pools in Zion.

Kleiner Restrundgang

Mit verantwortlich für den Ansturm auf Angels Landing ist, dass derzeit viele andere Wanderwege, teilweise seit über einem Jahr, gesperrt sind und dem National Park die Mittel fehlen, sie zügig wieder eröffnen zu können: Upper Emeralds Pools? Eingestürzt. Hidden Canyon? Ebenso. Observation Point? Auch. Kayenta? In Abschnitten. Und die Narrows sind aufgrund der starken, späten Schneeschmelze derzeit noch ein reißender Fluss.

So belasse ich es im Anschluss an Angels Landing bei einem kleinen Spaziergang entlang des Virgin Rivers sowie bis zu den Lower Emerald Pools, hinter denen der Trail jäh endet:

Upper Emerald Pool: Eingestürzt.

Aber ich habe für heute auch genug gesehen, verzichte auf die zweite Übernachtung in Zion und fahre stattdessen nach Cannonville weiter, wo ich auf einem ganz netten KOA übernachte, bevor es morgen nach Bryce Canyon geht. Wen’s interessiert: Dort waren es von 1990 bis 2008 etwa 1 Million Besucher jährlich, bis 2014 wurden es 1,4 Millionen, 2018 zählte man bereits 2,7 Millionen…

Gefahrene Strecke: ca. 225 km
Gelaufene Strecke: ca. 20.000 Schritte, 15 km
Campingplatz: KOA Cannonville

Und jetzt?
Entweder zurück zum Reisebericht im Überblick oder gleich weiterlesen mit Tag 16!

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