Tag #2: Von Los Angeles nach San Simeon

Der menschliche Körper ist manchmal schon seltsam: Da ist man todmüde, seit 26 Stunden auf den Beinen und kann doch kaum schlafen, weil das Zeitgefühl – was auch immer das genau sein mag – einem weismachen will, dass es nicht mitten in der Nacht, sondern neun Uhr morgens ist. Wie ein kleines Kind, das so lange quengelt, bis es bekommt, was es will – nur um es dann nicht mehr zu wollen.

Von „ausgeschlafen“ kann also nicht die Rede sein, als wir am nächsten Morgen um sechs Uhr mangels Hoffnung auf weiteren Schlaf schon wieder aufstehen.

Das soll sich aber noch als Vorteil erweisen, denn als wir eine gute Stunde später wieder ins Auto steigen und die Interstate ansteuern wollen, haben wir das Gefühl: Der Wagen zieht nach rechts.

Einbildung wegen Schlafmangel? Wäre möglich, aber nein: Ohne die Hände am Lenkrad wechselt das Auto auf gerader Strecke selbständig die Spur. Wenn man das Auto nur ein, zwei Tage behalten würde, könnte man vielleicht damit leben, aber für vier Wochen?

Zimmer im Crystal Inn
Unser Zimmer im Crystal Inn nahe LAX

Auf einen weiteren Besuch bei Hertz haben wir in etwa so viel Bock wie auf Zahnweh, aber es hilft ja nichts. Wir stellen uns mental schon darauf ein, den kompletten Vormittag damit zu verbringen, auf ein neues Auto zu warten.

Doch überraschenderweise kommt es ganz anders.

Wir fahren den Nissan zum Rental Car Return um die Ecke, stellen ihn auf dem Parkplatz ab, werden sofort von gleich zwei Mitarbeitern begrüßt und erklären kurz das Problem. Noch bevor wir unsere Taschen aus dem Kofferraum geholt haben, klebt ein gelbes Warn-Tag („Pulls to right“) auf der Scheibe, wir gehen zum Customer Service, sind sofort an der Reihe, werden gefragt, was für ein Auto wir gerne hätten – und keine fünf Minuten später fahren wir genau das, einen Chevy, vom Parkplatz. Klasse!

Chevy Mietwagen
Unser neues Auto

Also zurück in Richtung Interstate, wobei sich der typische LA Traffic natürlich nicht vermeiden lässt. Aber wir haben für heute ohnehin nicht viel auf dem Programm stehen, weil wir die Müdigkeit eingeplant hatten: Einkaufen, bis San Simeon fahren und Hearst Castle besuchen, steht lediglich auf dem Plan.

Die Strecke von Los Angeles nach San Simeon beträgt etwa 400 Kilometer, vielleicht etwas viel für einen ersten Tag, aber Santa Barbara und Umgebung haben wir schon zu oft gesehen, um dort noch einmal einen Stopp einplanen zu wollen.

Nachdem wir den Verkehr in Los Angeles hinter uns gelassen haben (zunächst Stop & Go, ab Thousand Oaks auf der US-101 geht es wieder zügig voran), halten wir zunächst in Oxnard, wo sich direkt neben dem Highway ein großes Walmart Supercenter befindet.

Nicht der schönste Supermarkt, den man in den USA findet, aber eigentlich immer mit Abstand der billigste und optimal geeignet, um zu Beginn einer Reise den Kofferraum zu füllen: Ein 32er-Pack kleiner Wasserflaschen, ein paar Softdrinks, Bagels, Erdnussbutter, Plastikgeschirr und Pappteller wandern unter anderem in unseren Einkaufswagen. 50$ wird man so auch bei Walmart schnell los, aber bei Safeway & Co. wäre wohl etwa das Doppelte fällig.

In-N-Out Burger
In-N-Out: Immer einen Besuch wert

Weiter geht es bei blauem Himmel und angenehmen 22° C nach Norden, wo wir nach dem notdürftigen Frühstück das erste „echte“ Essen in den USA zu uns nehmen wollen: In Arroyo Grande stoppen wir bei In-N-Out, der für uns besten Fast-Food-Kette im Südwesten, gönnen uns Burger, Pommes sowie Milkshake – und fühlen uns danach so richtig im Urlaub angekommen.

Schon gegen 13 Uhr, und damit deutlich früher als geplant, erreichen wir Hearst Castle kurz hinter San Simeon, einem Ort, der im Grunde nur eine Ansammlung von Motels darstellt. Die sind allerdings auch nötig, denn schon im April ist das Besucheraufkommen am Highway 1 enorm und gerade Hearst Castle wird nicht nur von Individualreisenden, sondern auch von Tourbussen bevorzugt angesteuert.

Visitor Center Hearst Castle
Visitor Center unter Hearst Castle

Entsprechend voll ist der große Parkplatz vor dem Visitor Center, doch in selbigem und auf dem Anwesen des einstigen, wohl recht exzentrischen Zeitungsverlegers William Randolph Hearst, verlaufen sich die Massen dann doch erstaunlich gut.

Aufgrund der in Kalifornien herrschenden (und selbst an der Küste im Frühling jederzeit erschreckend sichtbaren) Dürre stehen auf dem ganzen Gelände derzeit übrigens wunderbare Chemie-Toiletten – die richtigen Restrooms sind gesperrt, um „Wasser zu sparen“. Ein Tropfen auf den heißen Stein…

Vom Visitor Center geht es nach dem Kauf der Tourtickets für 25$ pro Person mit dem Bus hinauf. Schon die Anfahrt zu dem gewaltigen Anwesen ist im Grunde ihr Geld wert, denn die Ausblicke auf die Küste und die unmittelbare Umgebung sind beeindruckend.

Hearst Castle Foto

Oben werden wir von einem der zahlreichen Tourguides in Empfang genommen, die 12 bis 52 Personen starke Gruppen (in unserem Fall sind es 18) im 20-Minuten-Takt durch etwa fünf der über hundert Räume von Hearst Castle schleusen, was zugleich vielleicht der einzige Kritikpunkt der ansonsten sehr schönen Tour sein kann: Man kann immer nur einen Bruchteil des Gesamtwerkes sehen.

Die Tourguides sind Nachfragen diesbezüglich wohl gewohnt und erklären schon im Voraus sowie ohne Nachfrage, dass ein kompletter Rundgang durch das Gebäude vier Stunden in Anspruch nehmen würde und die meisten Besucher wohl Besseres zu tun hätten.

Foto von der Grand Rooms Tour

Insgesamt ist die recht amerikanisch wirkende Ansammlung unterschiedlichster Kunstwerke – fast durchweg angeblich aus Europa importierte Originale – aber definitiv sehenswert, auch wenn für uns das eigentliche Highlight nicht die Räume im Inneren, sondern die wunderschönen Gärten und die schon angesprochenen, großartigen Ausblicke sind.

Da die Aufenthaltszeit in Letzteren nicht begrenzt ist, kann man nach der etwa 40-minütigen Tour also noch problemlos ein, zwei Stunden an der frischen Luft verbringen.

Gärten von Hearst Castle

Genau das tun wir auch, bevor es mit dem Bus wieder zurück nach unten geht. Inzwischen doch ein wenig erschöpft, machen wir uns auf den Weg zurück nach San Simeon, wo wir noch kurz eine Runde am Strand gehen, bevor wir in der San Simeon Lodge für die Nacht unsere Zelte aufschlagen.

Wie fast alle Motels in der „Stadt“ fast direkt an der Straße gelegen, doch im Zimmer ist es überraschend leise, so dass dem Schlaf heute nichts im Weg stehen sollte.

Und morgen fährt hoffentlich auch unser Auto noch…

Balkon der San Simeon Lodge
Ausblick von der San Simeon Lodge

Gefahrene Strecke: ca. 400 km
Wetter: sonnig, bis zu 25° C
Essen: Burger, Pommes und Shakes bei In-N-Out (10$)
Hotel: San Simeon Lodge (65$), schön und günstig

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